Der größte Denkfehler beim Rezyklateinsatz
Ein Muster zieht sich durch nahezu alle Projekte, die scheitern:
Rezyklate werden beschafft wie Neuware.
Dominik Händler beschreibt die typische Vorgehensweise sehr klar:
"Die meisten Firmen gehen raus und sagen: Das ist meine Spezifikation – jetzt bitte mit 10, 20 oder 30 Prozent Rezyklatanteil, Datenblatt und Muster. Genau so, wie sie es aus dem Prime-Geschäft gewohnt sind. Gerade bei großen Volumina wird das schnell kritisch. Dann kommt der Einkauf und sagt: Wir brauchen 3.000 Tonnen. Und die erste Frage müsste eigentlich sein: Wo kommt der Inputstrom dafür her?"
Hier liegt das strukturelle Problem:
Rezyklate sind kein standardisierter Rohstoff – sondern das Ergebnis eines funktionierenden Stoffstroms.
Andreas Bastian bringt es auf den Punkt:
"Der Rezyklateinsatz fängt nicht da an, dass ich den Markt screene und Material einkaufe wie Neuware. Eigentlich müsste ich mir überlegen: Wo sichere ich mir meine Abfallströme? Wir brauchen stabilen Zugriff auf definierte, homogene Stoffströme – nicht nur ein Datenblatt."
Was oft falsch gedacht wird
Rezyklat = Material, das man einkauft wie Neuware
Was wirklich funktioniert
Rezyklat = Ergebnis eines Stoffstroms, den man verstehen, qualifizieren und sichern muss
Key Takeaway:
Der Rezyklateinsatz fängt nicht beim Einkauf an – sondern beim Abfallstrom.
Rezyklateinsatz beginnt beim Produktdesign
Ein weiterer zentraler Punkt aus dem Gespräch: Kreislaufwirtschaft beginnt deutlich früher, als viele Unternehmen denken. Andreas Bastian erklärt:
"Wenn ich Rezyklat einsetzen will, muss ich mich zwangsläufig mit Abfall beschäftigen. Das heißt nicht, dass ich selbst Recycler werde – aber ich muss verstehen, wo mein Material herkommt und wie es wieder zurückgeführt werden kann. Die Königsdisziplin ist natürlich Closed Loop – also eigene Produkte wieder zu eigenen Produkten zu machen. Aber selbst wenn das nicht geht, sollte ich mir anschauen: Welche Stoffströme gibt es in meiner Branche, die ich nutzen kann?"
Damit verschiebt sich die Perspektive grundlegend:
- Nicht mehr: Wo bekomme ich Rezyklat her?
- Sondern: Wo entsteht mein zukünftiger Rohstoff?
Technische Realität: Wo Kreislaufwirtschaft an Grenzen stößt
So klar die strategische Richtung ist – die technische Realität setzt Grenzen. Bastian führt weiter aus:
"Gerade bei technischen Kunststoffen haben wir kein funktionierendes System für Post-Consumer-Stoffströme in großem Maßstab. Wenn du dir anschaust: verschiedene Autos, verschiedene Materialien, alles wird geschreddert – und hinten soll ein spezifiziertes Material rauskommen. Das ist praktisch nicht machbar. Auch im Verpackungsbereich zeigt sich die Herausforderung: Manchmal reicht schon eine falsche Farbe – und du bist raus. Das zeigt, wie sensibel diese Systeme sind."
Was oft falsch gedacht wird
Rezyklat kann überall eingesetzt werden
Was wirklich funktioniert
Rezyklateinsatz funktioniert dort:
- wo Stoffströme verfügbar sind
- wo Anforderungen angepasst werden können
- wo Skalierung möglich ist
Key Takeaway:
Kreislaufwirtschaft muss technisch und wirtschaftlich Sinn machen – nicht nur theoretisch.