„Wir waren schon weiter – und haben es wieder verlernt“
Für Orth ist Kreislaufwirtschaft keine neue Erfindung. Historisch betrachtet waren Rohstoffe wertvoll, Wiederverwertung selbstverständlich. Heute dagegen sei vieles verloren gegangen.
Das größte Problem der Kreislaufwirtschaft ist nicht die Technologie – sondern das fehlende Bewusstsein für Verantwortung.
Bequemlichkeit, kurzfristige Marktlogiken und eine „aus den Augen, aus dem Sinn“-Mentalität verhindern, dass Kreisläufe konsequent geschlossen werden. Technik könne fehlende Haltung nicht ersetzen.
Besonders kritisch sieht Orth die Rolle der Nutzer: Produkte werden genutzt, entsorgt – und damit gedanklich abgeschlossen. Verantwortung endet am Mülleimer. Dieses Denken sei jedoch systemisch problematisch.
Digitalisierung: Enabler für Transparenz, Qualität und Kooperation
Digitalisierung nimmt im Gespräch mit Orth eine zentrale Rolle ein – allerdings nicht als Selbstzweck, sondern als entscheidender Enabler funktionierender Kreisläufe.
Digitalisierung für sich ist im Grunde nutzlos. Sie verbraucht Energie und Ressourcen. Ihr Mehrwert entsteht erst durch die Kommunikation über Daten entlang des gesamten Kreislaufs.
Gerade in komplexen Wertschöpfungsketten sieht Orth in digitalen Lösungen eine große Chance: Sie machen Informationen verfügbar, vergleichbar und nutzbar – über Unternehmens- und Branchengrenzen hinweg. Ohne verlässliche Daten zu Materialzusammensetzung, Additiven und Produkteigenschaften am Lebensende sei hochwertige Verwertung schlicht nicht möglich.
Besonders positiv bewertet Orth bspw. Konzepte wie digitale Produktpässe: Sie schaffen die Grundlage dafür, Produkte eindeutig zu identifizieren, Recyclingprozesse gezielt zu steuern und Qualität reproduzierbar zu machen.
Wenn wir mechanisches Recycling so weit bringen wollen, dass Rezyklate Neuware ersetzen können, dann brauchen wir maximale Transparenz über das Produkt.
Gerade im mechanischen Recycling erkennt Orth enormes Entwicklungspotenzial. Fortschritte in Sensorik, Sortierung, Datenverfügbarkeit und Anlagensteuerung tragen dazu bei, dass Rezyklate verlässlicher und marktfähiger werden.
Digitalisierung wird so zum verbindenden Element zwischen Produktanforderungen, Materialqualität und Markt.
Genau hier verortet Orth auch den Mehrwert digitaler Plattformen wie plastship: Sie schaffen Transparenz über Stoffströme, stellen qualitätsgesicherte Daten bereit und vernetzen Marktakteure entlang der gesamten Wertschöpfungskette – nicht als technische Spielerei, sondern als konkrete Grundlage für funktionierende, wirtschaftlich tragfähige Kreisläufe.
Standardisierung heißt Verständigung
Eng verbunden mit der Digitalisierung ist das Thema Standardisierung. Für Orth sind Normen keine bürokratische Last, sondern Kommunikationsinstrumente.
Normen definieren, wie Materialien sich verhalten – sie schaffen Verständlichkeit.
In der Praxis verhindere jedoch oft die Angst um geistiges Eigentum die notwendige Offenheit. Besonders deutlich sei das etwa in der Automobilindustrie, wo Altfahrzeuge geschreddert statt gezielt demontiert würden, weil belastbare Informationen über enthaltene Materialien fehlten.